Pressestimmen

Voller Zuversicht

„Bach zum Kirchenjahresende“ – ein Konzert in St. Marien

Wenn der präferierte Fußballklub beim Landespokal gegen einen zwei Klassen niedrigeren Verein erst die Verlängerung braucht, um endlich das Tor zu treffen und zu gewinnen, ist das zum Haare raufen und man braucht was zum Blutdruck normalisieren. Da kam das Novemberkonzert zum Kirchenjahresausklang gerade recht. Kantor Erik Matz hatte dafür ausschließlich Partituren des großen Johann Sebastian Bach herausgesucht, eine Melange aus Concerto, Kantaten, Fantasie und Fuge Er hatte Thorsten Meyer (Bariton) und ein Instrumentalensemble unter Konzertmeisterin Dorothea Fiedler-Muth eingeladen und ein Projekt-Chorensemble begründet. Das Klangergebnis wurde am Schluss bejubelt.
Zu Beginn saß Matz an der Orgel für Fantasia und Fuge g-moll BWV 542. Er schrieb mir vorher zu diesem Werk, er kenne wahrscheinlich „kein emotionaleres von Bach“. Und so spielte er es auch: Zügig die groß angelegte Fantasia, sich vor zu viel Brei der Klangmasse in den Toccata-Abschnitten hütend. Er stolperte nicht in den dazwischengeschalteten polyphonen Teilen und in der Fuge erst recht nicht, machte sie zauberhaft gläsern. Er bewahrte die herzhaft-fröhliche Beweglichkeit des alten niederländischen Volksliedes, das ihr zugrunde liegt, und fand für die melodische Totalität in gewagter Modulation des Meisters Bach den richtigen Drive. Ein perfekter Auftakt!

Die Kantate BWV 82 „Ich habe genug“, die auf der Geschichte des Simeon fußt, dem prophezeit wurde, dass er nicht sterben werde, ehe er den Messias gesehen hat, gestaltete Thorsten Meyer artikulationsdeutlich, ohne übertriebene Forcierung in den Koloraturen und glaubhaft im Rezitativ. Das kleine Instrumentalensemble glänzte durch wunderbare Oboen und einen selig machenden Hörgenuss der Streicher. Sanft und anschmiegsam. Das freudige Vivace zum Abschluss ist wohl die richtige Einstellung, wenn es daran geht, dem Erdenjammertal zu entkommen. Bach hatte keine Angst vor dem Tod.

Das folgende Concerto in d-moll BWV 1060 war was zum Schwärmen. Voller Spielfreude dargeboten, mit einer Interaktion, die man sich von jedem Instrumentalensemble wünschte. Zwei Mal heiteres Allegro, eines fast wie ein atemberaubendes Presto, und ein Adagio zum Träumen. (Ach, diese Oboen!)

Am Ende der 75 Konzertminuten die „Kreuzstabkantate“ BWV 56, die Leid und körperliche Schmerzen genauso wie das Leben als Schiffsreise  thematisiert (Text: Bachschüler und Theologe Christoph Birkmann). Hier gilt es, das Violoncello hervorzuheben, das die Wellenbewegung des Wassers eindringlich vors Ohr stellte. „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ sang Thorsten Meyer, wobei die Silbe „Kreuz“ auf die Note cis (musikalisches Vorzeichen: ein Kreuz) fällt. Es ist gleich, ob man auf Erlösung hofft oder nicht – diese Musik war ungeheuer tröstlich. Eindringlich musiziert, voller (Glaubens-)Zuversicht dargebracht.

Und so war dieses Konzert eine Verheißung: Im dunklen November mit all seinen Trauertagen auf das Licht des nahenden Advents zu warten, zu vertrauen. Es war künstlerisch und mental ein starker Anker der Vorfreude.
(Barbara Kaiser – 14. November 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Posaunen im Quartett

„Opus 4“ aus Leipzig spielte das letzte St.-Marien-Sommerkonzert 2021
 
Es war ein würdiger Abschluss! Einer, der nach „Gloria, Victoria!“ klang. War es doch wieder gelungen, die Reihe der St.-Marien-Sommerkonzerte durchzuführen. Nun sind neun Veranstaltungen, zu denen trotz pandemiebedingter Auflagen wieder rund 900 Zuhörer kamen, auch schon wieder Geschichte. „Es gab viele positive Rückmeldungen“, whats-appte Kantor Erik Matz aus dem Urlaub in den Dolomiten. Er jedenfalls war glücklich und zufrieden, dass es „sich so gut eingespielt hat“.
 
Für das Abschlusskonzert war „Opus 4“ aus Leipzig angereist. Die Bezeichnung Opus 4 wiese bei einem Komponisten auf Frühwerk. Das Ensemble gleichen Namens gibt es jedoch seit 27 Jahren, seine vier  Mitglieder hatten somit ausreichend Zeit für Reife. Dass dabei nichts zur faden Routine gerann, bewiesen Jörg Richter und Dirk Lehmann, die beiden Gründer der Vereinigung und Musiker des Gewandhausorchesters Leipzig, gemeinsam mit Wolfram Kuhnt und Michael Peuker. 
Quelle: Barbara Kaiser
Opus 4: Wolfram Kuhnt, Michael Peuker, Dirk Lehmann und Jörg Richter
Sie hätten „es gewagt und versucht“, dieses Instrument, das im Orchestergraben so oft zu kurz kommt, populärer zu machen, moderierte Jörg Richter vor einigen Jahren einmal ein Konzert an. Und was die Herren zu bieten haben, entwaffnet jedes Gegenargument! Kein eingetrübter Ton, kein rauer Hauch. Glanz in treffenden Nuancen und Farben, Eleganz und Lakonik des Ausdrucks. Die blitzschnellen Stimmungs- und Klangwechsel haben diese St.-Marien-Stunde musikalisch aufregend gemacht.

Hätte Bach von der Vielfalt gewusst, die eine Posaune zu entwickeln in der Lage ist, er hätte mehr für sie komponiert – darüber ist sich das Quartett auf jeden Fall einig. Die Zuschauer dürften diese Ansicht teilen. Aber die Musiker nutzen für sich – bei allem Respekt – auch ferne Partituren. Sie pendelten zwischen Monteverdi-Noten und Ragtime-Schmiss. Ein Quäntchen Bach, ein Häppchen Gershwin.
Sie beherrschten alle Töne: Den schmetternd-fröhlichen Blechlärm in Dur ebenso wie ein grabestrauriges Largo-Legato in Moll. Zarte, blütenreine Glissandi, Vitalität durch Kontur und Gestik. Hier wurde die emotionale Wucht der kleinen Form aufs Schönste entfaltet.

Die Geschichte von den Mauern einreißenden Blechbläsern wurde an dieser Stelle schon einmal bemüht. Beim Gastspiel der Herren von „Opus 4“ drängt sie sich jedoch geradezu auf: Allerdings sind Richter, Lehmann, Peuker und Kuhnt keine posaunenden Priester, die damals, im Alten Testament, den Kriegern voranmarschierten (eine interessante Konstellation, oder?).
Die Mauern von St. Marien standen nach dem Konzert noch, denn die vier Leipziger bewiesen, wie sanft das Blech zu handhaben sei.

Das Programm war mit „Von Bach bis Gershwin“ richtig benannt, versammelte aber auch Partituren aus dem Frühbarock (Claude Gervaise, Josquin des Pres) und natürlich Irvin Berlins (1888 bis 1989) berühmte Ragtime Band eines gewissen Alexander.
Was die Posaunisten boten, entwaffnete jedes Vorurteil, ihr Instrument tauge nur für Geschmetter! Nichts war in diesen 60 Minuten anzukreiden, alle und alles blieben über jede Kritik erhaben.

Das von Ideen überquellende Arrangement Daniel Suttons nach George Gershwins „An American in Paris“ war ein hochkomplizierter Wirrwarr, der zum Erstaunen des Zuhörers immer zueinander passt. Aber wer schon Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge d-moll (BWV 565) als atemberaubenden Höhepunkt im Programm hatte, dem sollte derlei Partitur keine Mühe bereiten.

Erstaunlich, welch großartiges Klangtableau allein vier Instrumente erstehen lassen können. Man glaubt, Vielstimmigkeit zu hören, dabei können es nur vier Stimmen sein. Die Kunst der Fuge und der Polyphonie mit vier Musikern – das macht den Leipzigern so schnell keiner nach. Das Ensemble spielte mit einer gläsernen Präzision, die man drehen und wenden kann – stets das gleiche Funkeln!
Makellose Ansätze, hüpfendes Staccato und zauberhaftes Legato, dazu Glissandi zum Niederknien. Barocke Gemächlichkeit, die trotzdem nirgendwo breiig zäh ist und jazzige gute Laune, die Straßenlärm imaginiert, als säße man auf der Avenue des Champs-Élysées.

Für den reichlich gespendeten Beifall hatte das Publikum am Ende genügend gute Gründe. Die Mauern von Jericho stünden also noch, hätten die Posaunen sich damals auf diese eine Seite ihrer Klangvielfalt  besonnen und sie intoniert. Aber damals war die Zielorientierung eben leider eine andere als die der guten Unterhaltung.
(Barbara Kaiser – 29. August 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Der Liebe Freud und Leid

Das 8. St.-Marien-Sommerkonzert war ein Liederabend
 
„Es ist was es ist“, dichtete Erich Fried über die Liebe. Ob Unsinn, Berechnung, Unglück oder Schmerz. Auch lächerlich, leichtsinnig und unmöglich… „Es ist was es ist“. Mit diesem weiten Feld (Fontane) setzten sich im 8. St.-Marien-Sommerkonzert auch Heike Hallaschka und Erik Matz auseinander. Es war – ungewöhnlich genug für das Format Sommerkonzert – ein Liederabend.
Quelle: Barbara Kaiser
„Der Liebe Freud und Leid“: Erik Matz begleitete am Klavier die Sopranistin Heike Hallaschka.
Auf dem Programm standen die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner (1813 bis 1883), vertonte Gedichte aus der Feder von Albert Sergel des finnischen Komponisten Yrjö Kilpinen (1892 bis 1959) und eine Auswahl der 61 Folk Songs von Benjamin Britten (1913 bis 1976).
 
Für Mathilde Wesendonck war die Liebe ohne Zweifel Qual, denn sie schrieb Verse auf, die Zeugnisse einer verhinderten Leidenschaft, von Verzicht sind, weil auf beiden Seiten der jeweilige Ehegatte im Wege stand. Richard Wagner wird das nicht so eng gesehen haben, war er doch sowieso der Meinung, dass jedem Künstler eine Muse zustände. Und in diesem Falle war eben Mathilde bei der Hand – die obendrein dichten konnte. Wenn man heutzutage die Verse einer sich ungeliebt fühlenden Frau an der Seite eines nachlässigen Gatten und ihr Sehnen nach dem vermeintlich besseren Geliebten noch Dichtkunst nennen will. Es ist eine recht schwülstige Angelegenheit, wie wir wissen. Todessehnende, romantische Texte, die dem Komponisten jedoch recht waren, denn er ging gerade auf Tristans Spur.
 
Heike Hallaschka lebte diese Klagen ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Ihre Stimme blieb souverän in den Höhen, stimmgewaltig auch, im Leisen genauso ausdrucksstark. Textverständlich sowieso. Und so verharrte das Publikum mit ihr an der Seite dessen, der „wahrhaft leidet“ und „sich in Schweigens Dunkel“ hüllt.
 
Erfrischend anders die Verszeilen, denen der Finne Kilpinen Noten anheim gab. Obgleich auch sie voller Idyllen sind, kommen sie leichtfüßig à la Heinrich Heine daher. In ihnen ist die Natur nicht nur ein Bild, das für die eigenen Schmerzen benutzt wird und das sich um das leidende Ich dreht, sondern es eröffnet dem Zuhörer eine ganze, meist heitere Welt. „Mein Herz, der wilde Rosenstrauch stand lichterloh in Blüten…“ Auch sind bei Kilpinen Gesang und Musik zwei eigenständige Angelegenheiten und nicht bloße Begleitung. Die Noten glitzern und rauschen und jubeln – während der Gesang die Zustandsbeschreibung dafür liefert.
 
Dass alle Liedtexte vorher von Almut Roeßler angemessen rezitiert wurden, war mitnichten Misstrauensvotum gegen Heike Hallaschka und ihre Gesangsdeutlichkeit. Vor allem bei den fremdsprachigen Liedern, den Folk Songs, erwies sich dieses Konzept als durchdacht nützlich.
So gab es die Erzählung über einen König, der zur Jagd reitet und eine schöne Schäferin zu verführen trachtet oder einen Jüngling, der „foolish“ genug ist, die angetragene Liebe des Mädchens auszuschlagen, weil er meinte, es müsse sich anders anfühlen. Er erklangen „Greensleeves“, die am Herzen rührten durch Hallaschkas Interpretation, und die Klage eines Mannes, der ein böses Weib freite, dem aber der liebe Gott nun auch nicht mehr helfen kann.
 
Am Flügel saß Erik Matz, und er war meist der einfühlsame Begleiter, den diese unterschiedlichen Lieder brauchten. Am Ende durfte er gar seine Stimme für einen Zwiegesang leihen und begründen, warum der Soldat das Mädchen doch lieber nicht zu ehelichen gedachte. 

Insgesamt war dieses 8. St.-Marien-Sommerkonzert eine ungewöhnliche, jedoch interessante Sache. Mit Akteuren, die sich ganz in den Dienst der Sache stellten. 

Am kommenden Samstag, 28. August 2021, ist die Zeit dieser Reihe schon wieder vorbei. Zu Gast sind dann die Barockposaunen  „Opus 4“ aus Leipzig, die musikalisch zwischen „Bach und Gershwin“ zu reisen vorhaben. 16.45 Uhr wie immer, das letzte Mal für 2021.
(Barbara Kaiser – 22. August 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Musikalischer Querschnitt

Organist Matthias Böhlert spielte im 7. St.-Marien-Sommerkonzert

Der Kirchenmusikdirektor aus Salzwedel ist ein weit gereister Mann. Mattias Böhlert spielte auf Orgeln zwischen Japan, Australien, Südafrika, Kanada und den USA, aber genauso auf Instrumenten bedeutender Gotteshäuser hierzulande, wie den Domen zu Stendal, Magdeburg oder Schwerin, den Kirchen in Rostock, Leipzig, Erfurt, Mühlhausen und Halberstadt. Er gab Konzerte in den Kathedralen in Riga, Tallinn, St. Petersburg und Moskau, war in Wrocław  zu Gast und in Kazimierz Dolny, als die Orgel dort 400. Geburtstag feierte. In Uelzen war er auch. Im Jahr 2009. Nun, nach 12 Jahren, ist er wiedergekommen und spielte im 7. St.-Marien-Sommerkonzert europäische und amerikanische Orgelmusik aus fünf Jahrhunderten.
Quelle: Barbara Kaiser
Matthias Böhlert spielte an der Uelzener St.-Marien-Orgel.
Es war ein musikalischer Querschnitt, eine Melange, zwischen deklamatorischen Passagen, romantischer Verspieltheit und sinfonischer Wucht. Der Organist, Jahrgang 1956, verlor sich im Filigranen nicht, er lebte die Ausdrucksstärke und Klangschönheit dieser Musik und seines Musizierens, die Fähigkeit zu vielfältigen Nuancierungen, farbenreichen und konfliktgeladenen Steigerungen mit opulenten Höhepunkten voll aus.

Matthias Böhlert begann mit Noten aus dem 16. Jahrhundert, „Altpolnische Tabulatursätze“ von Jan de Lubin. Tabulaturen wurden ja zu Beginn des 14. Jahrhunderts dafür erfunden, mehrere Stimmen polyphoner Vokalmusik für ein Instrument zusammenzuschreiben, zu tabulieren. Die im Konzert gespielten bewegten sich zwischen bedächtig und ausgelassen.
Mit Johann Sebastian Bachs Fantasie G-Dur (BWV 572) schritt die Musikstunde voran. Den zierlichen Beginn nahm der Organist eilend, bis die wuchtigen Akkorde walteten. Er behielt die ganze Mehrstimmigkeit im sicheren Griff, obgleich er beeindruckend flink unterwegs war. Aber auch der gewaltige Schluss erklang sehr überzeugend.

Den Komponisten Jehan Alain hatte den treuen Sommerkonzertbesuchern Merle Hillmer in ihrem Konzert vor zwei Wochen mit drei Tänzen vorgestellt. Matthias Böhnert nahm den Franzosen, der, nur 29-jährig, im Zweiten Weltkrieg sein Leben ließ, ebenfalls ins Programm. Mit „Le jardin suspendu“ – der hängende Garten. „Der hängende Garten ist des Künstlers immer wieder gesuchtes, doch ungreifbares Ideal, seine unzugängliche und unantastbare Zufluchtsstätte“, beschrieb Alain selbst den unerreichbaren Traum eines Ortes der Freiheit und fasste ihn in Musik. Es blieben düster-tastende Noten.

Die Partituren des Baltendeutschen Ädam Ore und der Letten Nikolajs Alunas und Jazeps Vitols ließen für mich mehr Fragen zurück als sie Antworten gaben. Obgleich Ores Konzertsatz d-moll op. 36 mit einem Fanfarenstoß endete und Alunans Paraphrase über Robert Radeckes Lied „Aus der Jugendzeit“ einem seltsam bekannt vorkam und ein Ohrenschmeichler war.

Die Favoriten des Programms waren ohne Zweifel Albert Renaud und Théodore Dubois mit den Toccaten d-moll op. 108/1 beziehungsweise G-Dur. Die Franzosen sind eben die besseren Orgelkomponisten (im Zeitgenössischen), man denke nur an César Franck oder Léon Boëllmann.

Die Musik, die Matthias Böhlert auf dem Programmzettel hatte, war enthusiastische Klanggewalt und hochromantische Überwältigung (Renaud) einerseits und reinster Frohsinn gepaart mit furioser Virtuosität (Dubois) andererseits. Der Solist blieb traumwandlerisch sicher an der Seite der Komponisten, dass es eine Freude war, ihm zuzuhören.

In einer Woche gibt es einen Liederabend in der Sommerkonzertreihe. Es ist schon wieder die vorletzte Stunde am Samstag. Heike Hallaschka singt, begleitet von Erik Matz am Klavier, Lieder rund ums Thema Liebe. Ein weites Feld, wie Theodor Fontane sich sicher war. Am 21. August 2021 kann man das überprüfen. Um 16.45 Uhr, in St. Marien.
(Barbara Kaiser – 15. August 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Ganz exquisit

6. St.-Marien-Sommerkonzert mit dem Duo „Conexus“

Hätte es noch eines Beweises bedurft, wie modern Bach ist und was man mit ihm alles machen kann (oder er mit sich machen lässt), dann wäre dieses 6. St.-Marien-Sommerkonzert ein schlüssiges Argument dafür. Was für ein Drive! Welche Frische! Das Allegro der Orgeltrisonate C-Dur (BWV 529) auf Akkordeon und Bratsche. Oberstimme und Bass fürs Akkordeon, Mittelstimme für die Streicherin. 

Das Akkordeon hat ja eine erfreuliche Karriere gemacht. Früher in Konzerten fast undenkbar und als Quetschkommode oder Schifferklavier diffamiert, taugt es heute für – ja, für Bach eben auch. Und Astor Piazolla sowieso.

Zu Gast in  St. Marien waren Tabea Höfer und Marek Stawniak als Duo „Conexus“. Ihr Programmtitel: Tango und Bach. „Wir haben einiges zu verknüpfen“, sagte Tabea Höfer in der Anmoderation, bezugnehmend auf den Namen, den sie sich als Duo gaben. „Uns hat die Neugier zusammengeführt, zusammen Piazolla und Bach zu spielen.“ Seit 2016 tun sie das gemeinsam. 
Quelle: Barbara Kaiser
Künstlerduo „Conexus“: Marek Stawniak (Akkordeon) und Tabea Höfer (Violine)
Und das ist ein atemberaubendes Miteinander! Piazollas „Invierno Porteño“ – Winter oder Regen in Buenos Aires – oder sein „Oblivion“ – Vergessen – oder das „Escualo“ –  Hai – waren vitale, aufregende und erotische Interpretationen. Die Geige zog am Herzen, während das Akkordeon, fingerflink gehandhabt, verlässlicher Begleiter in aller Schwermut blieb.

Um auch die Vorbilder Piazollas zu Wort kommen zu lassen, erklangen Noten von Béla Bartók und Igor Strawinsky. Während Bartóks „Sechs rumänische Volksweisen“ kurze Ideen, Skizzen, waren, ist Strawinskys „Tango“, wie es ein Tango zu sein hat, getanzte beziehungsweise gespielte Leidenschaft.
Ja, und dann der alte Barockmeister! Die erwähnte Orgeltrisonate stellten die zwei Instrumentalisten als leibhaftige, fröhliche Überzeugung vor unser Ohr, dass Musik über so manches hinweghelfen kann. Und das Präludium aus der E-Dur Partita für Violine solo (BWV 1006), das Sommerakademiebesucher in der Vorwoche schon einmal bei einem Abschlusskonzert zu hören bekamen, war unter den Händen von Tabea Höfer reine Virtuosität.

Die von Robert Schumann hinzugefügte Klavierbegleitung, die Marek Stawniak übernahm, mag man eine Anmaßung Schumanns nennen – hier allerdings störte das Tasteninstrument nicht. Unaufgeregt agierend, erwies es sich als anschmiegsam und grundierend. Die Geigerin absolvierte alle ihre Teile in traumwandlerischer Sicherheit.

Es war eine Konzertstunde, die so manche Partitur in ein anderes Hörlicht tauchte und belebte. Am Ende gab es jubelnden Applaus für diese zwei Musiker, die den Mut zu dieser ungewöhnlichen Paarung hatten.
Am kommenden Samstag, 14. August 2021, ist Matthias Böhlert aus Salzwedel zu Gast. Der Kantor spielt europäische und amerikanische Orgelmusik.
(Barbara Kaiser – 8. August 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Tänzerisch

Merle Hillmer im 5. St.-Marien-Sommerkonzert an der Orgel
 
„Europäische Tänze aus fünf Jahrhunderten“ lautete der Titel, mit dem die junge Organistin Merle Hillmer antrat, das 5. St.-Marien-Sommerkonzert zu bestreiten. Und diese Zeitspanne war es am Ende auch, zwischen dem Geburtstag des ältesten und dem Sterbetag des jüngsten Komponisten – 1562 und 1940 -, die die Solistin durchschritt. Sie begann in der Renaissance und endete im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges. Dann war der Tanz eher ein Totentanz. 
Quelle: Barbara Kaiser
Mit Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) und seinem „Ballo del Granduca“ eröffnete ein Schreittanz das Programm. Wie es der Titel verheißt: Der Ball des Großherzogs. Falls sie im England des 16. Jahrhunderts schon Musikimport aus den Niederlanden betrieben, sähen wir zu diesen Takten Shakespeare tändeln und Königin Elisabeth I. ihrem Lover Blicke zuwerfen. Wer weiß es. Merle Hillmer schuf für diese Hofgesellschaft eine lockere, musikalische Atmosphäre, in der gegessen, geschwatzt, geflirtet und eben auch getanzt wurde. Per Distanz selbstverständlich.
 
Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) Toccata, Adagio und Fuge C-Dur (BWV 564) hat mit diesen Tänzen nichts zu tun. Es war aber ein Erlebnis, sie nach dem Benefizkonzert am Donnerstag wiederzuhören: Fröhlich in der Grundstimmung, das Adagio bedenkend und ach, die Fuge! Ein Drängen und Jubeln. Merle Hillmer spielte mit Genauigkeit, aber ohne Pedanterie. In einem Tempo, das weder jagte noch schleppte, sondern sich Zeit für Ausformung nahm.
 
Danach Bernardo Storace (1637 bis 1707) und „Balletto“. Eine zierliche Angelegenheit. Der Spitzentanz brauchte allerdings noch einmal mehr als 100 Jahre, ehe er erfunden wurde. Zu diesen Noten war er aber vorstellbar. Dann die Erfahrung, dass Bach eine Gigue als Fuge zu setzen versteht (BWV 577),was nicht  überrascht. Der Meister tauchte diesen fröhlichen Tanz im Dreiertakt so in ein ganz anderes Hörlicht.
 
Dann wurde es düsterer. Max Reger (1873 bis 1916) wusste eben auch schon viel vom Krieg. Es erklang seine Passacaglia in e-moll aus der Suite op. 16. Diese Art steht ja sowieso meist in Moll und hat einen melancholischen Grundsound. Bei Reger werden die (barocken) Noten romantisch aufgeladen und durchschreiten das düstere Piano, das sich lichtet und schwillt, das im Forte enden will, aber wieder herabsinkt, die Tempi und die Lautstärken ständig wechselnd. Die Organistin schuf ein durchsichtiges Klangbild der vertrackten harmonischen Gebilde polyphoner Musik.
 
Danach Jehan Alain (1911 bis 1940) und „Drei Tänze“. Alains kompositorisches Schaffen wurde nicht nur durch die musikalische Sprache von Claude Debussy und Olivier Messiaen beeinflusst, sondern genauso durch fernöstliche Musik, Tanz und Philosophie, das neu erwachte Interesse an der Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts und den Jazz. 140 Kompositionen stammen aus seiner Feder, ehe er, 29-jährig, im Krieg starb.
 
Merle Hillmer sagte im Gespräch, sie wollte diese Tänze schon immer einmal spielen und hat sich das restliche Programm drum herum gebaut. Wie gesagt: Es sind eher Totentänze, denn sie tragen die Titel „Joies“ (Freuden), „Deuils“ (Trauerfälle) und „Luttes“ (Kämpfe).
Synkopen geben einen unruhigen Rhythmus vor. Ein chromatisches Auf und Ab imaginiert Sirenen. Es ist eine beängstigende und bedrängende Musik. Optimismus? Nirgends!
 
Die 23-Jährige beherrschte die Noten souverän und bewies ein großes und beachtliches Gestaltungsvermögen ihrer Partituren. Die Zuhörer konnten dieses 5. Sommerkonzert sehr angeregt verlassen.

In einer Woche, am 07. August 2021, gibt es ein ungewöhnliches Duo. Mit „Conexus“ erklingen Violine und Akkordeon – Bach und Jazz. 16.45 Uhr, St. Marien.
(Barbara Kaiser – 1. August 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Flut in Noten

Schwermütiges und Tröstliches

Uelzen – Es hat musikalische Passagen an diesem Abend gegeben, die bedrohlich und düster wirkten; als solle mit den Noten das Furchtbare erzählt werden, was in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschehen ist. Menschen sind in den Fluten umgekommen, andere verloren alles an Hab und Gut. Für die Opfer der Flut hat es am Donnerstagabend in der Uelzener St.-Marien-Kirche ein Benefiz-Konzert gegeben, dessen Reinerlös gespendet wird.

Erik Matz, Kirchenmusiker für St. Marien und Kreiskantor, hat für die Veranstaltung „Helfer“ in der Gemeinde und beim Rotary-Club sowie herausragende Musiker gefunden, die spontan zusagten. Die zugelassenen Sitzplätze für Besucher im Gotteshaus waren fast gänzlich besetzt. Auffällig: Das Publikum blieb den Abend stumm, wirkte geradezu introvertiert. Kein Rascheln, kein Hüsteln oder Handyklingeln. Kein Zwischenapplaus oder Jubelrufe wie noch beim Sommerkonzert am Sonnabend.

„Rette mich, Gott hilf mir“ heißt es im Psalm 69. Dr. Jan König rezitierte ihn. Es ist ein Psalm der Klage, des Flehens, der im Glaubensbekenntnis mündet, dass Gott dieses Gebet erhören wird.

Die Besucher hörten Bach. Merle Hillmer spielt die dreiteilige Toccata C-Dur. Mit feinfühlig gewählter Soloregistrierung geht sie unter die Haut, wirkt teils düster, erschütternd, geradezu schwermütig. Saxophonist Niklas Wienecke spielt mit Erik Matz. Besonders die Sätze aus der Suite „Rhapsody“ von Naji Hakim ließen wieder Assoziationen aufkommen.

Zwischen den Stücken immer wieder Texte – Goethes „Das Göttliche“ oder auch Hesses „Das Glasperlenspiel“. Erik Matz paarte beim Programm Virtuosität mit großem Feinsinn und Dramatik, es begab sich herab in die Tiefen und schwang in der Höhe – ein Motiv, das die Liebe Gottes zeigen sollte.

Zum Abschluss ein dreigeteilter Block mit „Brassonanz“: „Eigentlich sind wir 12“, berichtet Tubaist Lukas Strieder, in St. Marien spielen sie zu fünft. Barockes, Strahlendes voller Pracht durchwebte die Kirche, das weltberühmte „A Londonerry Air“ bis hin zum liedhaften Quintett des Filmkomponisten Michael Kamen. 

Noch ist nicht alles gezählt, was an Spenden über den Rotary-Club, den Eintrittsgeldern und Abendspenden zusammen gekommen ist. Es geht aber in Richtung 10000 Euro.

(Ute Bautsch-Ludolfs, 31.Juli 2021, Allgemeine Zeitung Uelzen)

Für Trost und Hoffnung

Gemeinschaftsbenefizkonzert der St.-Marien-Kirchengemeinde
und des Rotary Clubs Uelzen für die Flutopfer


Der Moderator des Abends, Dr. Jan König, zitierte eingangs Psalm 69: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis zur Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.“ Dass das Bild, den dieser Vergleich vor unser Auge stellt, im Aktuellen Falle kein Sinnbild ist für menschliche Orientierungslosigkeit, sondern es eine wahrhaftige Sintflut – wenn auch nicht von Gott geschickt – war, die Dörfer und Stadtteile im Westen dieser Republik hinwegspülte, weiß seit zwei Wochen jeder. 

Nein, dieses Mal passierte es nicht im fernen Indien. Das uns dann immer nur einen kurzen Filmbericht wert ist. Dieses Mal traf es zum wiederholten Mal bereits Mitteleuropa mit einer unvorbereiteten Wucht, die Nichtbetroffene fassungslos zurück ließ, und alle diejenigen, die Hab und Gut verloren, an den Rande der Verzweiflung brachte.

Wenn es Hoffnung gibt und Trost, dann erwachsen die aus der zupackenden Solidarität, der praktischen Hilfe, die den Landstrichen seit den Unwettern von überall zuströmen. Millionen Euro wurden eingesammelt, Helfer von THW und Bundeswehr, aber auch Privatpersonen wollten nicht nur zusehen. Vielleicht steckt ein Stück des von Goethe beschriebenen „edlen Menschen“ (wie ihn Jan König im Gedicht „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ rezitierte) doch noch in uns allen – dann wäre die Welt nicht verloren.

Auch die St.-Marien-Kirchengemeinde und der Rotary Club Uelzen fanden sich zu einem gemeinsam veranstalteten Konzert zusammen, das am Ende rund 3000 Euro an reiner Spende einspielte. Die Musiker traten selbstverständlich ohne Gage auf.

Merle Hillmer und Erik Matz saßen an der Orgel. Niklas Wienecke ließ sein Saxophon erklingen. Auch die Musiker von „Brassonanz“, dem Blechbläser-Ensemble um Lukas Strieder, waren mit von der Partie.
Barmherzigkeit, die Hilfe für in Not Geratene, ist ein Baustein jeder Religion. Im Islam sind die Spenden für Bettler vor allem im Ramadan Pflicht, so wie das tägliche Gebet und die Pilgerreise einmal im Leben. „Die Natur schickt uns nun die Rechnung“, sagte der Sänger Peter Maffay kürzlich in einem Interview, ehe er selber auf eine Bühne ging, um bei einem Benefizkonzert mitzuwirken. Vielleicht greift auch diese Erkenntnis Raum, wenn die ersten Tränen getrocknet und die Häuser wieder aufgebaut sind.

Und es ist gut zu sehen, dass so viele Menschen, ob nun aus christlicher Nächstenliebe oder auch ohne einen Glauben an einen Gott, aber im Vertrauen auf das Funktionieren von Solidarität und Mitmenschlichkeit, jetzt fremdes Leid nicht ignorieren. Es wäre noch besser, das funktionierte  genauso ein Stück weit globaler. Damit am Ende keine Mensch auf dieser Erde mit Psalm 69 sagen muss: „ Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss…“
(Barbara Kaiser – 30. Juli 2021 – Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

„Bravo“-Rufe in St. Marien

Blechbläser-Ensemble „10 for Brass“ begeistert Publikum

Uelzen – „10 for Brass-Fanfare“: Mit dem letzten Stück des Festkonzerts „10 Jahre 10 for Brass“ beim 4. Sommerkonzert 2021 am Sonnabend in der ausverkauften St.-Marien-Kirche Uelzen kam so richtig zum Ausdruck, was dieses einzigartige Blechbläser-Ensemble ausmacht: Lust, Leichtigkeit, Leistungsfreude- und Leidenschaft.

Der niederländische Bassposaunist und Komponist Steven Verheilst (*1976) hatte auf die Bitte hin: „Schreib’ uns mal ein Stück, genauso wie wir sind“ geliefert. Und sie sind klasse: ungemein ausdrucksstark, technisch präzise und gut im Miteinander. Das kam nicht nur bei diesem Signalstück, sondern bei der Vielfalt der Stücke unterschiedlicher Epochen und Genres genau rüber. Mal heiter, dynamisch, farbenreich, strahlend, perlend, keck, aber auch wunderbar besinnlich, ruhig und einnehmend.

Das Ensemble ist auf Jubiläumstournee: zehn Jahre „10 for Brass“, dabei sind es rechnerisch schon elf. Aber Corona machte letztes Jahr einen Strich durch die Planung. Auch gehören beim genauen Nachzählen zwölf Personen dazu, auch zwei Frauen. Eine ist Hornistin Swantje Vesper mit Wurzeln in Wichmannsburg, Mitbegründerin, die die Musiker immer in den Norden holt. Aus den Studenten von einst sind längst feste Mitglieder renommierter Orchester geworden.

Stand am Anfang des Programmes Bachs Concerto D-Dur – besonders nach dem prächtigen 1. Satz sehr weich und feinsinnig im tollen Dialog des Soli im Larghetto – so folgte noch ein Stück des Altmeisters: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (Schübler) – eigentlich ein Orgelstück. Sehr fließend und zum Abschluss hin fast drängend im wunderbaren Instrumentenwechsel des cantus firmus.

Nach der imposanten festlichen Ouvertüre von Dimitri Schostakowitsch, bei der vor allem die Trompeten glänzen, gibt es „Bravo“-Rufe. Dann folgt Derek Bourgeois’ fünfsätziges Bläserwerk „William Mary“, das besonders beim klagenden „The Death Of Mary“ an den britischen Komponisten Elgar denken ließ. Und trotz der herzlichen Botschaft „Auf Wiedersehen“ gab es doch noch eine Zugabe, bei der die professionellen, jungen Musiker nochmals das Publikum mitrissen, sich voll ins Zeug legten, ihre große gemeinsame Spielfreude zeigten. Und zwar beim legendären „Spain“ von Armondo Anthony Chick Corea – Jazzpianist, Komponist, Meister des Mismatch.
(26. Juli 2021, Ute Bautsch-Ludolfs, Allgemeine Zeitung Uelzen / LOKALES)

Perfekter Blechkrawall

„10 for Brass“ überzeugend im 4. St.-Marien-Sommerkonzert
 
Es war im sehr frühen Frühling 2010, als ich mich durch heftiges Schneetreiben nach Wichmannsburg kämpfte, um das Gründungskonzert der jungen Truppe „10 for Brass“ nicht zu verpassen. Zum Glück waren damals andere auch so mutig, und so geriet dieser erste Auftritt um das Gründungsmitglied Swantje Vesper (Horn) zu einem richtigen Triumph. Die Studenten von damals, die in Hamburg, Köln, Berlin und Weimar ihr Instrument studierten, rissen das Publikum hin. Anders kann man es auch in der Rückschau nicht sagen. 
Die Idee, in dieser Formation „auf hohem Niveau zu musizieren“, wie sie es damals in der Moderation ansagten, verriet hohes Selbstbewusstsein und durfte neugierig und gespannt machen. Zehn (eigentlich 12) für Brass, zehn für eine Blechbläserformation, wie sie sich vor  200 Jahren in Großbritannien entwickelte (brass = engl.: Messing). Blechbläser, diese sensiblen Stellen eines jeden Orchesters. Schmetternde Trompeten, schmachtende Posaunen und Hörner, die bedächtigere Tuba dazu.
 
Jetzt war „10 for Brass“ wieder da, feierte mit einem Jahr Verspätung seinen zehnten Geburtstag. Die Studenten von damals, neun von 12 sind noch dabei, haben sich etabliert und spielen in renommierten Orchestern wie den Bamberger Symphonikern, den Berliner Philharmonikern oder im WDR Funkhausorchester. Sie hatten Auftritte zwischen der Elbphilharmonie und Japan, veröffentlichten drei CDs und sind mehrfach ausgezeichnet.
Auf die Frage, warum man sich die Arbeit in solch kleinem Ensemble immer noch antut angesichts der weite Anreisen zu notwendigen Proben, antwortet Swantje Vesper schlicht: „Wir kennen uns alle sehr gut, sind auch befreundet.“ Und in solch einer Formation sei es eine ganz andere Art des Musizierens, das einfach nur Spaß mache.
 
Das Konzert im 4. St.-Marien-Sommerkonzert war ein „Best of“ der zehn – eigentlich elf – Jahre „10 for Brass“. Es bewies die Vielfalt und den Variantenreichtum dieser Instrumentalbesetzung. Da spielten immer noch Solisten zusammen, die sich nicht einzeln profilieren wollten, sondern makellosen Klang im Miteinander erstreben. In flexibler Dynamik, virtuos auftrumpfend. In feinnerviger Wiedergabe und silbriger Transparenz. 
 
Beginnend mit dem Bach-Concerto D-Dur, hatten die Instrumentalisten die zahlreichen Zuhörer sogleich auf ihrer Seite. Stimmgewaltig-fröhlich das Allegro, zum Anbeten das Legato (Larghetto) mit Bachtrompete. Des Meisters Weckruf „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 140) hätte es nicht bedurft: die Zuhörer waren hellwach.
Danach entführte das Ensemble ins Venedig der Renaissance mit Giovanni Gabrielis „Canzon XIV“ und in die Sowjetunion des Jahres 1954, wo Dmitri Schostakowitsch eine „Festliche Ouvertüre“ für den 37. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in nur drei Tagen komponierte.
Nebenbei: Dass die Moderation in diesem Falle so ignorant (oder arrogant?) war und von „Schikanen in Russland“ sprach, die den Komponisten wohl antrieben, schmälert mir immer den Musikgenuss. Im Oktober 1954 war Stalin schon eineinhalb Jahre tot und Schostakowitsch ein hochangesehener Künstler. Und das Land hieß immer noch Sowjetunion.
 
Mit der musikalischen Geschichte von „William and Mary“ – William III. von Oranien, der Ende des 17. Jahrhunderts Stadthalter der Niederlange war und nach dem Tod seiner Frau auch König von England, Schottland und Irland – strebte das Konzert seinem Ende entgegen. Der Brite Derek Bourgeois (1941 bis 2017) setzte für diese Liebesgeschichte die Noten, die ein vielstimmiges Spektakel sind. Flott und meist tonal.
„10 for Brass“ wussten das Ganze fein timbriert aufzuführen. In sehr kultiviertem Ton
 erklang auch das Schlusspanorama, die für das Ensemble eigens von Steven Verheilst (*1976) komponierte „Fanfare“. Die klingt wie im Hollywoodfilm kurz vorm Happyend.
 
Und überhaupt: Wenn, wie in der Ankündigung versprochen, in diesem Konzert das „Best of“ aus elf Jahren zur Aufführung kommen sollte, dann müssen es Jahre voller Glanz gewesen sein. Eigentlich haben die Akteure damit gehalten, was sie damals, in Wichmannsburg, versprachen: Kammermusik auf hohem Niveau.

Am kommenden Samstag, 31. Juli 2021, sitzt Merle Hillmer für das 5. Sommerkonzert an der Orgel und spielt europäische Tänze aus fünf Jahrhunderten. 16:45 Uhr, St. Marien.
(Barbara Kaiser – 25. Juli 2021 - Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Fantastisch fantasievoll

Beim 3. St.-Marien-Sommerkonzert saß Kantor Erik Matz an der Orgel
 
Der Schluss überwältigte. Im Fortissimo feierte Max Reger in seiner Fantasie zum Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ (op. 27) den Sieg über den Teufel. Und Erik Matz an der Orgel feierte mit: Lustvoll, schwungvoll, überbordet, dennoch kultiviert bleibend in der Ekstase. 
Quelle: Barbara Kaiser
Erik Matz an der St.-Marien-Orgel
Im 3. St.-Marien-Sommerkonzert saß der Kreiskantor selbst am Instrument und hatte sein Konzert mit „Fantasievolles für Orgel“ überschrieben. Und dieser Reger war unbestritten der Höhepunkt. An fantastischer Tonkunst, an fantasievoller Ausarbeitung der schlichten Melodie durch den Komponisten und an gediegener Darbietung des Solisten. Ein hochromantischer Krawall, der im Zwerchfell vibrierte, das Herz anrührte und der Seele aufhalf mit seinem Triumph.
 
Ansonsten war es ein Konzert zum Augenschließen. Zum Schweben und Entspannen. Abgesehen von kurzen, aufrüttelnden Ausbrüchen furioser Wucht. Wie zum Beispiel das Intermezzo aus Charles-Marie Widors Orgelsinfonie Nr. 2 op. 42. Das ist feinster Bombast. Aber schon das darauffolgende Cantabile beruhigte die Gemüter wieder.
 
Schlicht und unaufgeregt bot Matz auch die drei Choralbearbeitungen  von Johann Ludwig Krebs, dem Noch-Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach. Mit dem war das Konzert eröffnet worden: Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564.
 
Dieses virtuose Werk begann ungewohnt seltsam quäkend - und man fragte sich, ob es Erik Matz in der originalen Registrierung spielte – mit 32stel-Läufen im Manual. Aber nur, weil ich es anders kenne, muss ich ja nicht herumkritteln; und bei der humorvollen Fuge, bei der sich die Einzelstimmen so schön verfolgen ließen in Matz’ Spiel, war ich sowieso versöhnt. Vielleicht schon beim gedankenvollen Adagio in Moll, das bewegende Wirkung zeitigte.
 
So war das 3. St.-Marien-Sommerkonzert eine entspannte Angelegenheit. Zwischen filigranem Feinklang und großen Ballungen der Töne – echt fantasievoll eben. Wie versprochen.
Am kommenden Samstag, 24. Juli 2021, ist das Blechbläserensemble „10for Brass“ zu Gast in St. Marien. Wie immer 16.45 Uhr.
(Barbara Kaiser – 18. Juli 2021 - Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Zarte Töne

Duo Sappitatti im 2. St.-Marien-Sommerkonzert
 
Schon das erste Stück des Programms sollte die Zuhörer für sich eingenommen haben: Das drängende, schwelgende, seufzende „Leise flehen meine Lieder“ von Franz Schubert. Zu Gast im 2. St.-Marien-Sommerkonzert war das Duo Sappitatti, hinter dem Luisa Piewak und Simon Gutfleisch stehen. Sie an der Flöte, er an der Gitarre. Dieser Schubert war vertonte Zärtlichkeit. Welch satter Ton der Flöte, welch sichere Läufe. Auf den Punkt das Zusammenspiel.
Man kam irgendwie mit seinen schweifenden Gedanken – das Konzert lud überhaupt dazu ein, sich zurückzulehnen und zu träumen – zum „Land, wo die Zitronen blühn“. Was natürlich Quatsch ist bei Musik der deutschen Romantik. Trotzdem war das der Sound weicher, lauschiger (italienischer) Nächte. Vier weitere Schubert-Lieder ergänzten den ersten Block, bei dem sich glücklicherweise kein Zuhörer traute, die sinnliche Spannung, das heitere Schweben durch Beifall zu unterbrechen.
 
Der zweite Programmpunkt sprang fast 150 Jahre nach vorn: Arvo Pärt schrieb „Spiegel im Spiegel“ für Violoncello und Klavier im Jahr 1978. Das Kompositionsprinzip enthält zwei Elemente: Tonleiterbewegungen (Cello) und Dreiklangsstrukturen (Klavier). Dass das Stück mit Gitarre und Altflöte erklang, tat ihm keinen Abbruch. Die Akustik des Kirchenraumes kam dem zusätzlich entgegen. Es war ein wunderbar sanftes Legato-Andante.
 
Vor die „Carmen Fantaisie“ nach George Bizet setzten Piewak und Gutfleisch das „Entr’Acte“ aus der gleichnamigen Oper. Es ist das kurze Vorspiel zum 3. Akt, als Carmens und Josés Welt noch in der Ordnung scheint. Seltsamerweise denkt man bei diesen Noten an Peer Gynt und die „Morgenstimmung“ aus der Suite von Edvard Grieg. 
 
Mit der Moderation zur abschließenden „Carmen Fantaisie“ taten sich die zwei jungen Musiker keinen Gefallen. Weil man ein Konzert auch zerreden kann. Mit seltsam-fragwürdigen Requisiten erzählte Luisa Piewak die Handlung nach, unterstützt durch kurze Intonationen auf der Gitarre durch Simon Gutfleisch. Nun darf man davon ausgehen, dass jeder die berühmteste aller Carmens kennt, so wie er die Habaňera „Ja, die Liebe hat bunte Flügel“ oder das Auftrittslied des Escamillo mitsummen kann. So war man am Ende froh, als es endlich mit der Musik weiterging. 
 
Das jedoch, wie die ganzen 60 Minuten hindurch, funktionierte in kongenialem Miteinander, das an keiner Stelle schrillte oder quakte. Dass der Auftritt für die Flöte oft Renommierstück war, blieb angesichts der brillanten Absolvierung zweitrangig. Die Gitarre begnügte sich oft mit der verlässlichen Begleitung. Der Beifall am Schluss war verdient.

In einer Woche sitzt Kantor Erik Matz selber an der Orgel. Er verspricht „Fantasievolles für Orgel“ von Bach, Viérne und Reger. Samstag, 17. Juli 2021, 16.45 Uhr, St. Marien.
(Barbara Kaiser – 11. Juli 2021 - Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

Furioser Auftakt

St.-Marien Sommerkonzerte 2021 starteten mit Christoph Schoener an der Orgel
 
Was für ein Auftakt der St.-Marien-Sommerkonzertreihe: Fast alle corona-erlaubten Plätze im Mittelschiff der Kirche besetzt, Christoph Schoener an der Orgel, und ein Programm zum Schwelgen und Staunen. Kantor Erik Matz freute sich angemessen, dass seine Konzerte, wie im vergangenen Jahr, wieder stattfinden dürfen (auf den November blicken wir jetzt besser noch nicht).
Quelle: Barbara Kaiser
Christoph Schoener beim 1. Sommerkonzert an der St.-Marien-Orgel
Christoph Schoener ist kein Unbekannter hier. Der ehemalige Hamburger Kirchenmusikdirektor von St. Michael, seit 2018 mit dem Titel Professor geschmückt, ist ein stets willkommener Gast. Schoener, Jahrgang 1953, studierte mit seinem Chor das wesentliche oratorische Repertoire zwischen Monteverdi und Bernstein, daneben unterrichtete er und konzertierte europaweit und in den USA. 
 
Aber natürlich hat so ein Musiker auch ganz persönliche Vorlieben, und als eine solche benennt er die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel op. 24 von Johannes Brahms. Eigentlich für Klavier komponiert, transkribierte es die kanadische Komponistin und Organistin Rachel Laurin (*1961) für die Orgel. Schoener mag dieses Stück Musikliteratur schon immer, „in meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit hatte ich gedacht, ich würde es nie stemmen“, sagt er im Gespräch, denn natürlich ist es nicht ganz einfach. Sogar Clara Schumann, die es auf dem Klavier uraufführte, merkte an, sie habe „es zitternd durchgestanden“.  Nur Wagner, der selber nicht in der Lage war, alle Stimmen seiner musikalischen Schöpfungen ins Orchester zu übertragen, gab sich wiedermal abgeklärt: „Man sieht, was sich in den alten Formen noch leisten läßt, wenn einer kommt, der es versteht.“
Dass Schoener vor zwei Jahren den Mut fand, sich daran zu wagen, ist nun Gewinn für sein Publikum.
 
Zunächst aber begann das Konzert mit Orgel-Rauschen: Johann Sebastian Bach – Fantasia super „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ (BWV 651) aus der Leipziger Originalhandschrift. Das einzige Stück in dieser Konzertstunde übrigens, das für Orgel komponiert wurde, die drei folgenden Nummern waren ursprünglich Klavierliteratur. Aber, so der Gast, er habe einfach mal Lust gehabt, diese Variationen über la Folie d’Espagne von Carl Philipp Emanuel, auf die Orgel zu übertragen. Bei der Toccata D-Dur (BWV 912) hatte Schoener dann die Hilfe von Max Reger, der schrieb die Partitur vom Klavier- bzw. Cembalosatz um auf die Königin der Instrumente. 
 
Die Variationen vom Bach-Sohn wirkten manchmal ein bisschen verloren. Aber eingerahmt in der Programmfolge durch seinen Vater ist das vielleicht kein Wunder. Die Toccata kam forsch und eilig von der Empore, weil eine Toccata nichts für Schüchterne ist. Ein schönes gehendes Moderato, ehe das große Tableau zum Ende strebte.
Denn eigentlich waren alle diese Vorspiele die Vorbereitung auf den Brahms, der fast 35 Minuten in Anspruch nahm. Auf dem Klavier schafft man es fünf Minuten kürzer.
 
Die eingängige Aria, hergenommen aus Händels B-Dur-Suite von 1733, ist das Entree. Dann kann man die 25 Variationen, denen Christoph Schoener jeweils exzellente, durchhörbare Charaktere verleiht, mitzählen. Obwohl es manchmal nicht so klingt, durch synkopische Effekte zum Beispiel, behalten alle den Viervierteltakt bei, die meisten bleiben auch beim B-Dur.
 
So ist das Werk voller Dynamik, zwischen chromatischen Läufen, wallenden Crescendi und Pianissimi. Zwischen vermeintlichem Hörnerklang und Leierkastensound, bombastischen Clustern und zierlichen Tönen. Ab Variation 21 läuft alles schnurstracks auf die Fuge zu, die klangmächtig über die Zuhörer hereinbricht und im Fortissimo (beim Klavier: fff) schließt.
 
Diese Brahms-Variationen spielen in einer Liga mit Beethovens Diabelli- und Bachs Goldberg-Variationen. Sie sind ein Hörerlebnis. Der Solist war den Noten in jeder Hinsicht gewachsen. Er hielt alles diszipliniert klar und ließ sich nicht verführen durch den hochromantischen Rausch, der hier die Verbindung mit dem Barock sucht.
Am Ende gab es dankbaren Beifall. Auch dafür, dass im „Jahr der Orgel“ solch ein Auftaktkonzert möglich war und stattfand.
 
In einer Woche geht es leiser zu: Am Samstag, 10. Juli 2021, 16.45 Uhr, spielen Luisa Piewak und Simon Gutfleisch als Duo Sappitatti die Querflöte und Gitarre. Es erklingen Werke von Schubert, Pärt und Bizet. (Barbara Kaiser – 4. Juli 2021 - Die neue Barftgaans | Feuilleton im Netz)

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